Die 54-Stunden-Hölle

Es war der 30. Juni 2017, ein Samstag Morgen, als die wohl schwerste Migräneattacke meines Lebens anfing. Sie begann wie jede andere Attacke mit den bohrenden hämmernden Schmerzen in der Schläfenregion. Ich schaffte es gerade noch ins Bad und nahm eine Triptantablette, denn ich hatte da noch keinen Nasenspray. Es dauerte etwa 20 Minuten und mir wurde extrem übel. Ich versuchte mit aller Kraft dem Erbrechen zu widerstehen, damit wenigstens ein Teil der Tablette irgendwie zur Wirkung kam, doch es ging nicht. Ich schleppte mich auf die Toilette und erbrach mich heftig. Mein Kopf pochte wie ein Preßlufthammer, ich sah alles wie durch einen nebligen Schleier, das Licht war unerträglich grell, alle geräusche schienen doppelt so laut wie sonst, vor meinen Augen schlängelten sich seltsame Linien und tanzende Punkte.

Ich konnte keinerlei Medikamente zu mir nehmen. Nicht einmal reines Wasser konnte ich trinken. Allein der Gedanke daran auch nur einen Schluck Wasser zu mir zu nehmen, löste sofortigen Brechreiz aus. Wenn ich wach war erbrach ich etwa alle 20-30min. Zwischendrin schlief ich immer mal wieder vor Erschöpfung ein. Mein Magen war irgendwann leer, so dass ich schließlich nur erst grünliche und dann hellgelbe Galle unter heftigen Krämpfen hervor würgte. Irgendwann musste ein Blutgefäß an meinem Mageneingang geplatzt sein, denn ich erbrach eine Mischung aus Galle hellrotem und angedautem bräunlichem Blut.

Ich versuchte es mit Diphenhydraminzäpfchen, doch die heftigen Bauchkrämpfe beim Erbrechen führten zusätzlich dazu, dass ich weder Blasen- noch Darminhalt halten konnte. Ich musste also immer zusehen, dass ich dabei wenigstens ein Handtuch oder irgendwas unterlegen konnte während ich mich übergab. Manchmal war ich nach dem Erbrechen zu schwach um wieder zurück ins Bett zu kriechen und musste schweißnaß und frierend auf den Badezimmerfliesen liegen bleiben bis ich wieder zurück ins Schlafzimmer kriechen konnte.

Irgendwann kam mein Mann. So wie jedes Wochenende. Ein Hoffnungsschimmer. Er ist der einzige Mensch, der mich in diesem Elend jemals zu Gesicht bekommen hat. Es ist ein erbärmlicher, grauenvoller, beschämender, widerwärtiger Anblick. Falls sich schon mal jemand gefragt hat, warum ich so schlecht Hilfe annehmen kann, das ist ein Grund dafür. Ich möchte nicht, dass mich jemand so sieht. Immer wieder sagen Freunde oder Bekannte “Warum hast Du nichts gesagt? Ich wär vorbei gekommen.” Aber das will ich nicht. Ich will nicht, dass mich jemand so sieht. Mein Mann hat es schon oft gesehen. Meist war es ja nach 36 Stunden auch nicht mehr ganz so grauenvoll. Er darf mich dabei kaum anfassen. Maximal ein bisschen die Hand halten. Aber ich bin froh, wenn er da ist. Jede Erschütterung, jede Berührung, jede noch so kleine Regung löst wieder Erbrechen und Schmerzen aus.

Nach 36 Stunden war ich vollkommen dehydriert. Meine Zunge klebte am Gaumen und mein Mund wahr völlig ausgetrocknet. Ich war kaum noch bei Sinnen. Konnte nur schwer unterscheiden, wann ich wach wahr und wann ich schlief und wirres Zeug träumte. Ich hatte zu schwitzen aufgehört und meine Haut fühlte sich pergamentartig an. Zwar hatte ich bereits unzählige mehrtägige Attacken mit heftigem Erbrechen durchgemacht, aber irgendwas war anders an dieser. Sie veränderte sich nicht. Die Attacken zuvor wurden auch ohne Medikation irgendwann meist gegen Abend hin ein klein wenig leichter, so dass ich zumindest was trinken konnte, aber diese nicht. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Dass es draußen hell und dunkel und wieder hell wurde nahm ich nur durch den geschlossenen Rolladen wahr. Irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich es diesmal vielleicht nicht allein schaffen würde. Ich rief nach meinem Mann und sagte zu ihm, dass wir den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen müssten.

Der Bereitschaftsarzt kam und ich konnte nicht mal mit ihm sprechen, da ich mich ständig in eine kleine Waschschüssel auf meinem Schoß erbrach, während ich auf dem Bett saß und kaum die Augen öffnen konnte, weil mich das Licht so blendete. Er sah mich sichtlich besorgt und mitleidvoll an und beschloß sofort den Transport ins Klinikum in die Wege zu leiten. Es sei sinnlos mich zu Hause kurzeitig intravenös zu versorgen, wenn danach die Migräne wieder zurückkäme, ich müsse stationär aufgenommen werden. Etwa 30 Minuten später waren zwei Rettungssanitäter da. Ich versuchte die wenigen Minuten zwischen den Kotzphasen zu nutzen um mich mit der Hilfe meines Mannes notdürfig für den Krankentransport vorzubereiten. Allein eine Hose und ein T-Shirt anzuziehen war eine unglaubliche Anstrengung. Die Männer mussten mich aus dem Bett und die Treppe hinunter auf Händen runtertragen, weil die Trage nicht in den engen Treppenaufgang passte. Im Rettungswagen drückte mir einer der beiden Sanitäter gleich einen Kotzbeutel in die Hand, den ich die nächsten Stunden nicht mehr losließ. Mein Mann fuhr mit seinem Auto hinter uns her.

Notarzteinsatzfahrzeug, Wikimedia Commons, Foto: OnkelKrischan

Ich lag erschöpft auf der Liege und draußen sah ich schemenhaft die Straßenlampen Ausgburgs vorbeiziehen und das Blaulicht des Rettungswagens rhythmisch leuchten. Die beiden Sanitäter kümmerten sich rührend um mich, fragten ob sie irgendetwas tun könnten um mir die Fahrt zu erleichtern. Konnten sie nicht. Nur die Liege aufrichten, damit ich besser erbrechen konnte. Am Klinikum angekommen wurde ich mit der Liege aus dem Fahrzeug gerollt. “Wo ist mein Mann?” stammelte ich. “Der kommt gleich, der war die ganze Zeit hinter uns und parkt jetzt nur sein Auto da vorne.” sagte einer der beiden jungen Männer mit den orangen Jacken und tatsächlich fühlte ich einige Sekunden später wie eine Hand fest nach der meinen griff und eine vertraute Stimme sagte “Ich bin hier, Sandra.” Ich war beruhigt.

Ich wurde auf ein Krankenhausbett umgelagert. Die Notaufnahme war voller Menschen. Es war angenehm kühl. Ich nahm alles wie durch einen grauen Schleier wahr. Eine Schwester kam und setzte einen venösen Zugang. Ich war noch nie in meinem Leben so froh darüber einen venösen Zugang gelegt zu bekommen. Ich musste immer noch fortwährend erbrechen und versuchte dabei den Arm mit der Kanüle ausgestreckt zu halten. Die Schwester informierte mich, dass sie nun erst etwas Blut abnehmen würde und ein Blutbild angefertigt werden würde. Erst sehr viel später nach der Entlassung sah ich, dass jenes Blutbild eine Hyperkalzämie und eine mittelgradig eingeschränkte Nierenfiltrationsrate ergeben hatte.

Notaufnahme, Wikimedia Commons, Foto: bidgee

Ich musste eine gefühlte Ewigkeit warten ehe sich eine junge blonde Neurologin zu mir ans Bett setzte und sich entschuldigte, dass ich erst jetzt behandelt wurde. Ich war so unglaublich dankbar im Krankenhaus zu sein, es war mir völlig egal wie lang alles dauerte, denn schlimmer als zu Hause allein in meinem Elend zu liegen, konnte heute nichts mehr sein. Sie machte einen schnellen Neurostatus und an den Tests erkannte ich, dass sie mich auf einen Schlaganfall hin untersuchte. Sie wiederholte die Frage, ob meine Migräne bekannt sei ein paar Mal, was meine Vermutung bestätigte.

Endlich wurden die Medikamente an die Venenverweilkanüle angeschlossen. Als ich spürte, dass die Übelkeit nachließ, fing ich vor Erleichterung an zu weinen. Ich konnte es kaum glauben, ich hörte auf zu erbrechen. Endlich! Ich war vollkommen erschöpft! Mein Mann hielt meine Hand und hatte auch Tränen in den Augen. Meine Arme und Beine kribbelten und wurden taub, wahrscheinlich eine Nebenwirkung des Medikaments, aber das war alles nicht so schlimm wie die schreckliche Übelkeit. Ich hatte sogar meinen kleinen Stoffelefanten eingepackt, und hielt ihn noch im Stoffbeutel verpackt mit der anderen Hand eng umschlungen, damit keiner sah, dass ich 42-jährige Frau meinen kleinen Stoffelefanten dabei hatte.

Ich verbrachte mehrere Stunden auf dem Gang der Notaufnahme neben einer vermutlich heroinabhängigen Frau mit schwer vernarbten, zerstochenen Unterarmen, die jeden Arzt und jede Schwester um Medikamente anbettelte und einem herzinsuffizienten älteren Mann, der die meiste Zeit schlief. Irgendwann kam eine etwas ältere Neurologin, offenbar eine Chefärztin, und wiederholte die Tests an mir, die zuvor die junge Neurologin gemacht hatte, allerdings deutlich weniger routiniert und fast ein bisschen unbeholfen. Die Medikamente machten mich müde und ich war entsetzlich erschöpft. Ich schlief ein wenig ein und der Schlaf war seit langem wieder ein kleines bisschen erholsam.

In den frühen Morgenstunden kam wieder die junge Neurologin und sagte sie müsse mich nun untersuchen. Sie schien sehr gestresst und entschuldigte sich abermals, dass alles so lange dauere und dass sie noch schnell einen Stapel Formulare ausfüllen müsse. Ich sagte, sie solle sich keine Gedanken machen, ich sähe ja, wieviel los sei und dass ich es nicht eilig hätte. Ich war einfach nur unglaublich dankbar für jeden, der sich um mich kümmerte. Sie machte nochmal eine umfangreiche neurologische Untersuchung. Ich musste fast ein bisschen lachen, dass ich innerlich die Namen der Hirnnerven aufsagen konnte, die sie durchtestete. Nervus Trigeminus, Nervus facialis, Nervus abducens, Nervus oculomotorius… Babinski, Romberg-Test, Untersberger Tretversuch. Einige Testnahmen musste ich vor mich hingemurmelt haben, denn die junge Ärztin fragte mich “Ach, die kennen sie wohl schon?”.

Alle Reflexe waren da, ein Schlaganfall konnte ausgeschlossen werden. Diagnose: Migräneattacke “die etwas entgleist ist”. Sie fragte mich noch, wie oft diese Attacken vorkamen und als ich sagte, dass ich ca. 4 Attacken im Monate hätte riet sie mir dringend einen Neurologen zur ambulanten Therapie aufzusuchen und stellte mir einen Entlassungsbrief aus.

Ich durfte wieder nach Hause. Es dauerte eine gute Woche bis ich wieder einigermaßen bei Kräften war und auch die Schmerzmittel und die Medikamente gegen die Übelkeit, die ich zu Hause weiter nahm absetzen konnte. Diese Attacke hat etwas in mir verändert. Ich kann nicht genau sagen was, aber irgendwas ist anders geworden. ICH bin anders geworden.

Schmerzhafter Dominoeffekt im Kopf

Das menschlichen Gehirn befindet sich in einem ständigen Metazustand. Metazustand bedeutet, dass jede Nervenzelle bestrebt ist ein Aktionspotential aufrecht zu erhalten, damit sie praktisch jederzeit loslegen kann zu arbeiten. Wenn sie dieses Aktionspotential abgibt und zwar an eine nächstliegende Nervenzelle, dann erstellt sie schnell ein neues. Damit ist das Nervensystem als Gesamtheit betrachtet praktisch immer einsatzbereit. Wie ein Auto mit einem vollen Tank oder ein gespannter Bogen.

Bei einem gesunden Menschen funktionieren die Nervenzellen im Gehirn ein bisschen wie beim Staffellauf. Oder vielleicht wie sehr viele parallel laufende gut organisierte Staffelläufe auf einmal. Das Aktionspotential ist der Läufer der jeweiligen Nervenzelle und dieser muss die Nervenzelle entlanglaufen und den Staffelstab auf den Läufer der nächsten Nervenzelle übergeben, damit ein Signal auch über längere Strecken im Körper übertragen wird. In jeder Nervenzelle wartet also so ein kleiner gelangweilter Staffelläufer und wartet dass er endlich losspurten kann. Hat er seinen Job erledigt, wandert er wieder an seinen Ausgangspunkt zurück und begibt sich wieder in Startposition. Das ist der Metazustand.

Das funktioniert auch bei einem Menschen mit Migräne so, allerdings nur dann wenn er gerade keine Migräne hat. Kurz bevor er eine Migräne bekommt, sitzen plötzlich in einem Teil seines Gehirns keine Staffelläufer mehr, sondern Dominosteine. Und zwar eins von diesen enormen Dominokonstruktionen die man für Fernsehshows errichtet. Mit sternförmigen, ums Eck, im Kreis, schlängel-, zickzack- und überkreuzlaufenden Reihen aus tausenden aufgestellten Steinen. Meistens hat keiner bemerkt, wer wann und aus welchem Grund die Steine dort alle aufgestellt hat, eines ist aber klar, diese bilden nun das Aktionspotential der migränebereiten Nervenzellen und warten jetzt nur darauf, dass aus unerklärlichen Gründen das erste Steinchen umfällt…

Was dann kommt ist ein neurologisches Phänomen, das man “spreading depression” oder auch Streudepolarisation nennt. Es ist eine Art La-Ola-Welle im Kopf, die mit dem Schlaganfall und mit der Migräne in Verbindung gebracht wird und möglicherweise auch mit den sehr seltenen Todesfällen bei epileptischen Anfällen. Es kommt dabei zu einer unerklärlichen schlagartigen Entladung von Nervenzellen, die aber in diesem Entladungszustand verbleiben, also depolarisiert sind. Bei einem Schlaganfall geschieht das um das Zentrum des Infarktes bei der Migraine werden lokale biochemische Dysbalancen im Gewebe als Ursache vermutet. Das Eigenartige ist, dass sich diese Welle mit einer spezifischen Geschwindigkeit von 2–5 mm pro Minute entlangt der Windungen der Hirnrinde fortbewegt. Das gesunde Gewebe beim Migräniker scheint das weitgehend unbeschadet überstehen zu können, wohingegen das Gewebe des Schlaganfallpatienten das nachvollziehbarerweise nicht mehr kann und daher oft bleibenden neurologischen Schaden nimmt. Man vermutet aber in der Spreading Depression wiederrum einen Risikofaktor für den Schlaganfall beim Migränepatienten, deren Risiko ungleich höher ist als bei Gesunden einen Schlaganfall zu erleiden.

Die Theorie der Streudepolarisation gibt es seit rund 5 Jahrzehnten, sie wurde erstmals 1944 durch den Brasilianer Aristides Leão aufgestellt, ein bedeutender Biologe aus Rio de Janeiro/Brasilien. Er entdeckte sie erstmals an Hasen, die er zuvor narkotisiert hatte und deren Hirne er mit Elektroden stimulierte und dann daraus die elektrische Reaktion der Neuronen in verschiedenen Gebieten des Gehirns zu messen. Er fand dabei heraus, dass er, wenn er den frontalen Bereich der Hirnrinde stimulierte eine Welle der Depolarisation auslösen konnte, die etwa 5 Minuten brauchte um im occipitalen also im hinteren Bereich der Hirnrinde anzukommen ( Leão AAP. Pial circulation and spreading depression of activity in the cerebral cortex. J Neurophysiol 7: 391–396, 1944). Die neuroelektrische Welle, die er dabei entdeckte, wurde sogar nach ihm benannt, doch spricht heute kaum noch jemand von der  “Leão Welle”. Seit er sie entdeckte, fand sie lange kaum Beachtung und blieb höchst umstritten. Erst als Streudepolarisation erstmals durch ein Elektrokorikogramm sichtbar gemacht werden konnte, war die Theorie plötzlich wieder brandaktuell und lieferte neue Behandlungsansätze in der Migräne- und Schlaganfalltherapie.

Spreading Depolarization seen using Intrinsic optical signal imaging in gyrencephalic brain. Speed 50x. From Santos E et al Neuroimage 2014, Dredgarsantos

Die Demo oben zeigt eine Streudepolarization die mit einer sog. Intrinsic optical, signal imaging Methode sichtbar gemacht wurde. Das ist ein in-vivo (=am lebenden Objekt) Bildgebungsverfahren bei dem kleinste aktivitätsbezogene Reflexionsveränderungen des Gehirns mit empfindlichen Spezialkameras sichtbar gemacht werden. Das ist also keine Animation sondern echt!

Heilung und Heilkunst – Teil 3

Hier gehts zu Teil 1 und Teil 2

Fallgruben im Umgang mit Klienten

Auch im Umgang mit Klienten oder bei der Kommunikation zwischen Heiler und Klienten fallen mir häufig unterschiedliche Muster auf, die ich für sehr ungesund halte. Ein häufiges, das vermutlich jedem Heiler gerade in der Anfangsphase passiert, ist Projektion. Zum Einen projizieren Heiler auf ihre Klienten gern ihre eigenen Probleme, die sie vielleicht erfolgreich durchlebt haben, zum Anderen aber auch gern jene Dinge, in denen sie sich heilerisch besonders kompetent fühlen.

Ich weiss zB. dass ich als Osteopathin auf dem Gebiet Clusterkopfschmerz, Migräne und verschiedener Kopfschmerzarten sehr gut bin und erfolgreich arbeite. Kollegen schicken sogar Patienten dafür eigens zu mir, wenn sie selbst nicht mehr weiterkommen. Dass ich selbst seit Jahren darunter leide und mich zwangsläufig mit dem aktuellen Stand der Forschung und sämtlichen dafür geeigneten Verfahren und Techniken auskenne, ist einfach ein Nebeneffekt meiner eigenen Geschichte, sowohl durch Selbsthilfe als auch durch Konsultation von Kollegen. Wann immer ich die Gelegenheit hatte internationalen Koryphäen zu begegnen, habe ich diese natürlich auch zu diesem Thema befragt.

Dennoch muss ich aber immer aufpassen, dass ich Diagnosen sauber unterscheide. Nicht jeder wird aus den gleichen Gründen Kopfschmerzen haben wie ich und nicht jede Methode, die mir geholfen hat, ist auch für jeden anderen Patienten geeignet. Ich kann also mein Wissen und meine Erfahrung nutzen, habe aber dennoch einen eigenständigen Menschen vor mir, dessen Geschichte eine ganz andere ist als meine.

Andererseits habe ich aber zB. selbst noch nie eine Schwangerschaft und Geburt durchlebt, behandele aber häufig auch Schwangere und junge Mütter und das mit Erfolg. Hier kam das Können einfach mit der Erfahrung am Patienten, deren Schwangerschaften ich oft von Anfang bis Ende begleitet habe und die darauf bestanden von niemand anders als von mir behandelt zu werden. Diese Flexibilität und Fähigkeit sich auch in therapeutischem Neuland schnell zurechtzufinden, macht einen guten Heiler aus. Den Klienten nützt es nichts, wenn ich einen Nebenschauplatz zum Hauptproblem erhebe, nur weil ich mich darin besser auskenne und sicherer fühle; so verlockend es sein mag in seinem Lieblingsgebiet brillieren zu können. Auch hier kommt einem ein solides Fundament aus gelernten Techniken sehr zugute, denn im Zweifelsfall kann ich mich immer auf diese Grundverfahren stützen und dabei idealerweise neue und wertvolle Erfahrungen sammeln. Als Heiler lernt man mit jedem Klienten/Patienten selbst dazu.

Fähigkeiten und Kompetenzgrenzen

Als Heiler sollte man nicht nur in der Lage sein, andere Menschen und deren Geschichte zu erkennen, sondern auch sich selbst, seine Fähigkeiten und Grenzen. Ich hab manchmal den Eindruck, als bestünde in der Neuheidenszene der Glaube, dass sobald jemand sich dem Heilen widmet, er grundsätzlich alles und jeden heilen kann. Heilen mag in gewisser Weise auch Gabe oder göttliches Geschenk sein, es braucht zweifelsohne eine Berufung und ein Talent dazu, aber das bedeutet nicht, dass man damit vollkommen von menschlichen Schwächen entbunden ist. Jeder hat seine persönlichen Schwächen, die ganz unterschiedliche Gründe haben und die zeigen sich auch, wenn man in einem Bereich arbeitet in dem man ein gewisses naturgegebenes Talent mitbringt. Sich das einzugestehen ist umso wichtiger, wenn andere Menschen und deren Wohlergehen davon unmittelbar abhängig ist. In der Osteopathie spricht man zB. von den sog. “red flags” das sind besondere Warnzeichen, die uns sagen, dass ein Notfall bestehen könnte der ärztlicher Abklärung bedarf oder/und eine Kontraindikation für Osteopathie darstellt. Solche “red flags” sollte jeder Heiler für sich kennen und definieren unabhängig davon mit welcher Methode er arbeitet. Lieber schickt man einen Klienten oder Patienten einmal zu viel zu jemandem, den man für kompetenter hält, als einmal zu wenig.

Das setzt natürlich voraus, dass ich ein entsprechendes Netzwerk habe, wo ich mir entweder Informationen beschaffen kann oder jemanden in vertrauensvolle Hände weiterleiten kann. Nicht jeder muss bzw. kann alles können und anstatt sich als Einzelkämpfer auf weiter Flur zu verstehen, ist es sowohl für Heiler als auch Klient/Patient nur von Vorteil das was man selbst nicht bieten kann durch vertraute Kollegen und deren Wissen und Kompetenz zu ergänzen. Mir fällt in der spirituellen Heilerszene verstärkt auf, dass der Wille zur Kooperation wesentlich geringer ist als der Wunsch sich als einzigeartiges Individuum mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu profilieren. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es die eigene Kompetenz in keiner Weise untergräbt seine Grenzen zu kennen und sogar gegenüber einem Klienten/Patienten klar zu kommunizieren. Ganz im Gegenteil, es erhöht sogar noch das Vertrauen. Wenn ich dann noch einen wirklich guten Kollegen empfehlen kann, fühlt sich ein Mensch, der mir vertraut, auch dort gut aufgehoben.

Was ist Heilung?

Heilung, so erscheint es mir, wird oft als wundersames Ereignis betrachtet, dass durch ebenso wundersame Intervention hervorgerufen wird. Tatsächlich ist aber Heilung genauso wie Krankheit ein fortwährender Prozess. Das gilt auf der körperlichen, wie auch auf der seelischen Ebene. Unser Körper macht die ganze Zeit nichts anderes, als sich fortwährend zu erneuern, Schäden zu reparieren, neue Zellen zu bilden, nicht benötigtes auszuscheiden und notwendiges aufzunehmen und zu verarbeiten. Das gleiche macht auch unsere Seele. Die Art wie wir mit uns selbst oder anderen Menschen umgehen, wie wir für uns sorgen, womit wir unsere Seele nähren sind ebenfalls Dinge die am Prozess der Heilung unaufhörlich beteiligt sind. Die eine Heilung als in sich abgeschlossener einmaliger Prozess ist eine Illusion. Tatsächlich existieren Krankheit und Heilung in einer fortwährenden Dynamik nebeneinander und manchmal gewinnt die Krankheit die Oberhand und manchmal die Gesundheit. Manchmal können wir großen Einfluss darauf nehmen und manchmal auch nicht. Und als Heiler können wir uns zeitweise an der Heilung eines anderen Menschen beteiligen, ihn ein Stück seines Weges begleiten und ihn dann wieder sich selbst überlassen. Wir können Kraft unserer Kompetenz als Heiler einem Menschen helfen besser für sich zu sorgen, ihm aus ausweglosen Situationen einen möglichen Weg aufzeigen und ihn auch mal an der Hand nehmen und herausführen.

Ich persönlich habe mich immer als Partner auf Augenhöhe in Fragen der Gesundheit verstanden und habe über die Zeit genau die Patienten angezogen, die diese Haltung an mir schätzen. Die Mündigkeit meiner Patienten hat für mich einen hohen Stellenwert. Ich empfinde es als meine Pflicht, mein Wissen ständig zu erweitern und mich nicht auf geernteten Lorbeeren auszuruhen. Gerade in der Heilkunde ist jeder Stillstand ein Rückschritt und ich bin überzeugt davon, dass dies auch für jede spirituelle Heilweise gleichermaßen gilt. Ein Heiler entwickelt sich mit jedem Klienten/Patienten gleichermaßen weiter und für diese Entwicklung offen zu sein ist für mich ein zentraler Teil des Heiler-Seins.

Heilung und Heilkunst – Teil 2

hier gehts zu Teil 1

Das Problem mit den Grundbegriffen

Es gibt eine Reihe von Fallgruben, die meiner Ansicht nach jeder Heiler kennen sollte. Ein wichtiger Punkt, der mir immer wieder auffällt, ist, dass es oft schon an den Grunddefinitionen erheblich mangelt. Wenn ich jemanden heilen will, muss ich mir erstmal Gedanken machen, wie ich eigentlich Begrifflichkeiten wie “Gesundheit”, “Heilung”, “Lebenskraft” oder “Vitalität” definiere. Ich muss eine genaue Vorstellung von dem haben, was ich bei meinen Patienten oder Klienten erreichen will und sie natürlich auch darüber in Kenntnis setzen.

Die meisten althergebrachten Methoden wie TCM, Homöopathie, Osteopathie usw. haben dafür ihre Konzepte und Definitionen und in der Folge natürlich Techniken um deren Beschaffenheit zu untersuchen und auszuwerten. Ob ich nun von Chi, PRM oder Prana spreche ist letztlich egal, sofern ich ein genaues Bild von dem habe, mit dem ich da arbeiten will bzw. was ich herbeiführen möchte. Erst dann kann ich mir überhaupt Gedanken machen welche Behandlungstechniken ich überhaupt anwende und wo. Und diese Techniken sollten natürlich auch zu meinen Basiskonzepten passen.

Wissen und Intuition

Sehr häufig jedoch lese ich, dass sich auf “so’n Gefühl” verlassen wird und man sich mit der Definition von diesen Grundbegriffen überhaupt nicht befassen möchte, weil man glaubt, das auch erfühlen zu können. Nichts gegen intuitive Herangehensweisen, aber Intuition sollte idealerweise im Rahmen einer in sich logischen und einigermaßen irrtumssicheren Methodik angewandt werden, sonst ist die Gefahr groß, dass ich mir schlichtweg etwas einbilde und meinem Klienten schade. Viele althergebrachte alternative Heilweisen, die schon seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten praktiziert werden bieten solche Definitionen, die auch einem spirituellen Weltbild kein bisschen widersprechen, es lohnt sich, davon eine auszuwählen und sich ein solides Wissen als Basis anzueigenen und wer gern vielseitig arbeitet mag sich vielleicht auch noch eine zweite oder dritte Methoden ansehen. Abraten möchte ich aber von Patchwork-Konzepten, die auf reinem Schlagzeilenwissen beruhen. Zum erlernen einer Heilmethode gehören auch immer die Inhalte die man langweilig und schwierig findet. Beim Stricken einer Patchworkphilosophie besteht die Gefahr, dass ich mich nur immer wieder selbst bestätige und dabei leider auch meine Irrtümer. Tatsächlich gehört es aber zum Weg eines Heilers dazu gerade die Konzepte zu hinterfragen, die man für selbstverständlich hält und sich auch mal auf jene offen und unvoreingenommen einzulassen, die einem überhaupt nicht gefallen.

Intuition ist normalerweise etwas, das mit der Erfahrung stärker wird, aber selbst die erfahrensten Therapeuten, sollten ein solides Fundament aus den so unbeliebten Definitionen und Konzepten haben auf das sie immer wieder zurückgreifen können. Hinzukommt, dass solche Begrifflichkeiten auch den zu Behandelnden nicht außer Acht lassen dürfen. Welche Vorstellung hat mein Patient/Klient überhaupt von Gesundheit oder Vitalität und wie erlebt er überhaupt den Mangel dieser Dinge? Auch hierüber machen sich leider viele keine Gedanken und glauben Kraft ihrer Visionen und Ahnungen genau zu wissen, was zu tun ist, damit es jemandem besser geht.

Illusionen der Heiler

Auch wenn ich mit meinem Klienten gut kommuniziere und mir ausschweifende Beschreibungen von deren Gefühlszustand anhöre, wenn mir solche Grundkonzepte und -definitionen fehlen, lauert schon die nächste Fallgrube, nämlich meinen Behandlungserfolg von den Befindlichkeiten des Klienten abhängig zu machen. Sehr oft lese ich, dass Heiler es ganz selbstverständlich als ihren Verdienst ansehen, dass der Patient überglücklich nach der Behandlung war oder heftigen negative Reaktionen durchgemacht hat, die dann als eine Art “Heilkrise” interpretiert werden. Gewiss gibt es Methoden die solche Reaktionen häufig nach sich ziehen, dennoch darf man sich als Heiler auf keinen Fall von solchen Reaktionen abhängig machen und sie schon gar nicht per se als eine geglückte Heilung interpretieren. Befunde müssen in irgendeiner Weise objektivierbar sein und sei es auch nur, dass ich nach meinen persönlichen Definitionen einen Vorher/Nachher-Vergleich anstelle und eine tatsächliche Veränderung erkenne, die eindeutig auf meine Intervention zurückzuführen ist. Manchmal werden Patienten auch TROTZ Behandlung gesund, das heißt ich kann nie genau wissen, was von dem was ich unternommen habe wirklich zur Heilung geführt hat. Man spricht dabei auch von der sogenannten therapeutischen Illusion, wenn von mir unabhängige Dinge eine Heilung bewirkt haben, die ich aber fälschlicherweise als meinen Erfolg verbuche.

In manchen Disziplinen der Osteopathie zB. gilt es sogar als schlampige Arbeit, wenn man heftige emotionale Reaktionen auslöst. Die Rede ist vom sog. Somato Emotional Release ein Konzept, das John Upledger entwickelt hat. Er geht dabei von der Grundannahme aus, dass emotionale Inhalte im Körper in sog. “Zysten” gespeichert sind und durch manuelles Einwirken auf die entsprechenden Körperstellen durch einen Behandler gelöst werden können. Hierbei besteht der Anspruch, dass selbst schwere psychische Traumata auf der Körperebene spürbar und damit auch dort lösbar zu sein haben. Die sichtbare Reaktion davon sollte absolut NICHTS sein. Keine Träne, keine melodramatischen Gefühlsausbrüche, maximal ein leises Seufzen, egal wie schwerwiegend das Trauma ist. Und das hat hinterher eine deutliche Verbesserung aufzuweisen, sonst gilt die Behandlung als erfolglos. Es mag verlockend sein, die Reaktionen des Klienten als Bestätigung für sich selbst heranzuziehen, aber entscheiden sollten klare Befunde im jeweiligen Konzept sein in dem man arbeitet. Das mag den Showeffekt der Heilung erheblich schmälern, aber es senkt auch das Risiko einer Retraumatisierung enorm und ist deutlich angenehmer für den Patienten/Klienten.

Stichwort Blockaden

Ein weiterer “Evergreen” der virtuellen Heilerszene ist, dass Blockaden grundsätzlich und immer gelöst werden müssen. Es gibt wohl kaum eine Heilmethode, die sich so sehr mit grob- und feinstofflichen Blockaden auseinandersetzt wie die Osteopathie. Ganz gleich ob es sich um handfeste Gelenksblockaden handelt oder um eingeschränkte Dynamiken, der verschiedenen Zirkulationen und Rhythmen des Menschen wie etwa in der Kraniosakralen Therapie. Ob eine Blockade aufgelöst werden muss, hängt immer davon ab was wie bewirkt. Sie kann sowohl schaden und freien Fluss behindern, als auch stabilisieren und kompensativen Halt bieten. Menschen bestehen im körperlichen, psychischen wie auch im spirituellen Bereich oft aus einer Vielzahl von Kompensationen, die sogar ganz wunderbar funktionieren. Es ist Teil unserer menschlichen Natur und Ausdruck von Gesundheit überhaupt kompensieren zu können. Kompensation ist also mitnichten ein Zeichen von Krankheit, sondern ein Zeichen von Gesundheit.

Manchmal besteht eine Kompensation darin eine “Blockade” aufzubauen um durch ein kleineres Übel ein größeres zu verhindern oder zumindest in Schach zu halten. Wenn ich als Therapeut nun dem Klienten diese wichtige Stabilisierung wegnehme, in der festen Überzeugung, dass Blockaden grundsätzlich aufgelöst werden müssen, bewirke ich unter Umständen eine völlige Destabilisierung des gesamten Systems und einen noch viel größeren Schaden. Das kann man – mit entsprechendem Können – natürlich auch bewusst wagen um dann hinterher das Gesamtsystem neu zu sortieren, aber die meisten scheinen ihre Klienten an genau diesem Punkt mit stolzgeschwellter Brust ob der Destabilisierung (und der entsprechenden heftigen emotionalen Reaktion) wieder heim zu schicken ohne sich der unliebsamen Arbeit anzunehmen, die nun eigentlich beginnen würde. Nämlich den Scherbenhaufen aufzusammeln und daraus brauchbare neue Konzepte zu bauen.

Körper und Seele

Ein Begriff, der bei oft mangelnder Kenntnis beinahe inflationär benutzt wird, ist die Psychosomatik. Viele scheinen unter Psychosomatik die wissenschaftliche Variante von “alles ist Geist, also auch jede Krankheit” zu verstehen, dabei ist die Psychosomatik eigentlich ganz klar definiert. Zu meinen Patienten zählen auch Ärzte und mit einer Fachfrau für Psychosomatik durfte ich mich einmal ausgiebig über diesen Bereich unterhalten. Psychosomatik bedeutet, dass der Körper organisch gesund ist, aber der Patient aufgrund einer sogenannten Somatisierungsstörung, die Bestandteil von unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern ist, Symptome entwickelt. Hier sei nochmal betont: der Körper ist dabei vollständig intakt! Wer also Krankheitsbilder, die mit einer echten Gewebeschädigung einhergehen, wie Krebs, Magengeschwüre oder Bandscheibenvorfälle als psychosomatisch bezeichnet, der irrt gewaltig und begibt sich mitunter auf gefährliches Terrain, wenn er glaubt den Umkehrschluss ziehen zu können, dass Krebs durch viel Gedankenkraft heilbar ist. Der sogenannte Placeboeffekt ist alles andere als ein Kraft des Geistes herbeigeführtes Wunder, sondern ein Phänomen des menschlichen Körpers, der biochemische und immunologische Prozesse umfasst, die bis heute noch nicht vollständig, aber immerhin teilweise erforscht sind. Sicherlich ist hier Gedankenkraft beteiligt, denn diese nimmt unmittelbaren Einfluss auf das Nervensystem und den Hormonhaushalt, aber deswegen ist das noch lange keine Zauberei. Während die Schulmedizin dies als ebensolche und als Täuschung weitgehend von sich weist, springen die alternativen Heiler nur allzu gern aber oft unreflektiert darauf an, eben WEIL es wie Zauberei erscheint. Fachärzte für Psychosomatik, sind die Experten, die sich mit diesen Prozessen bis ins Detail auseinandergesetzt haben und wissen, wie sie diesen Effekt in die richtigen Bahnen lenken können um einen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Das sollte aus meiner Sicht auch ein spirituell orientierter Heiler anstreben ohne sich den Zaubererhut aufzusetzen.

“Energien”

Besonders konfus wird es immer, wenn es um den Begriff “Energie” geht. Einer genauen Definition des Begriffes, will sich auch hier niemand so recht widmen und es wird sehr selbstverständlich davon ausgegangen, dass man immer irgendwie Energie “reinstecken” muss. Natürlich gibt es unterschiedliche Imaginationsbilder von Energie zB. als “weißes Licht” oder “grüner Strahl” bis zu “leuchtende Glitzernebel” oder ähnliches, aber was diese Energie wo genau macht, scheint keiner so genau zu wissen, wohl aber was sie idealerweise machen SOLL und das ganz allgemein und meist sehr schwurbelig. Ob sie das dann auch tut, wird selten überprüft.

In der Osteopathie zB. haben wir sehr viele verschiedene Ausdrucksformen der körperlichen und seelischen Energie, die sich in verschiedensten Rhythmen und Dynamiken ausdrückt und von einer großen Zahl osteopathischer Gründerväter bis ins Detail nach jahre- und jahrzehntelanger Forschung beschrieben wurde. Und sie ist vor allem eins: spürbar. Es erfordert zum Teil sehr viel Übung bestimmte Rhythmen zu spüren, aber es ist möglich. Es wurde unermüdlich geforscht und mit Studiengruppen experimentiert und quergecheckt, bis man sich auf bestimmte Ordnungen und Normen festlegte. Dazu gehören Dinge wie die sog. intrinsischen Eigenbewegungen der Organe, der sogenannte PRM oder “Kraniopuls”, der Atemrhythmus, die Bewegungen des Flüssigkeitskörpers genannt “Fluida” usw. Sogar wie der Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt rutscht, die Lymphe durch das Gewebe zirkuliert oder das Blut durch die Adern fließt hat eine ganz spezifische Art sich zu bewegen, sonst wäre das so reibungslos gar nicht möglich und wir würden innerhalb weniger Augenblicke an multiplen Blutgerinnseln oder Darmverschlüssen sterben.

Leben ist Bewegung und Bewegung ist der Ausdruck von Lebensenergie, zumindest sieht das die Osteopathie so. Wird diese Energie blockiert oder behindert kann es freilich zu einer Unterversorgung oder Energielosigkeit in bestimmten Bereichen kommen, genauso kann und wird es aber auch zu einem Übermaß oder Stau in anderen Bereichen kommen. Wenn ich einen Gartenschlauch zu halte, kommt vorne kein Wasser raus und wenn der Gartenschlauch ein bisschen spröde ist, dann platzt er sehr wahrscheinlich vor dem Knick. Da hilft es auch nicht, wenn ich den Wasserhahn noch mehr aufdrehe, selbst wenn dann vorne vielleicht ein bisschen Wasser herauströpfeln mag, der Druck für den Schlauch vor dem Knick kann trotzdem zu groß sein und enormen Schaden anrichten.

Bei der Arbeit mit Energie geht’s vor allem um eins: Die Kunst des sinnvollen Ausgleichens. In der Osteopathie fassen wir das unter dem Schlagwort “Salutogenese” zusammen, das heißt wir suchen nicht das was krank ist – das wäre Pathogenese (von “pathos”=Leiden) – wir suchen das was bereits oder noch gesund ist und versuchen dieses “gesund” auszuweiten und mit den erkrankten Anteilen in Verbindung zu setzen. Das funktioniert auf der körperlichen Ebene ebenso wie auf der seelischen. Statt in den Schwächen und Verletzungen herum zu bohren und zu riskieren, dass wir Patienten retraumatisieren – also erneut und noch mehr verletzen – fragen wir, “Wo geht es Dir gut? Was kannst Du? Wo bist Du stark?” und diese Eigenenergie kann man wunderbar nutzen um die Dinge zu heilen, die nicht so gut funktionieren ganz ohne etwas Fremdes in den seelischen und körperlichen Organismus hineingeben zu müssen in der naiven Annahme, dass die Energie dann schon weiß, was sie genau tun muss. Selbst bei Klienten/Patienten mit einem echten Energiemangel, wird ein Osteopath bestrebt sein, dessen eigene Fähigkeit sich selbstständig mit Energie zu versorgen wieder herzustellen anstatt ihm irgendeine Form von Energie einzuflößen.

Hier gehts zu Teil 3

Heilung und Heilkunst

Heilung, ist ein großes Thema, besonders wenn man sich in der Neoheiden-, Hexen- und Schamanenszene umsieht in der ich mich sehr viel aufhalte. Nicht nur die Heilung seiner selbst, sondern ganz besonderes auch die Heilung anderer. Zwar macht nicht jeder von den ambitionierten Heilern gleich einen Beruf daraus, eine Berufung jedoch schon und das oft mit großem Enthusiasmus.

Ich beteilige mich gern an Internetdiskussionen in den verschiedensten Online-Hotspots zum Thema Heilung und Spiritualität. Ganz besonders interessiert mich in letzter Zeit das Gebiet der Schamanen, aber natürlich auch Neuheiden und Hexen und deren heilerische Praxis. Ich habe selbst mal in dieser Szene begonnen mich für die Kunst des Heilens zu interessieren, habe mich dann im Verlauf meiner Lehrjahre davon wegentwickelt und mich eher der wissenschaftlich orientierten, aber dennoch alternativen Heilkunde gewidmet und befinde mich nun in einer Phase der Wiederannäherung an die spirituelleren Konzepte von Heilung.

Wahrscheinlich ist das mitunter ein Grund, warum sich mir bei sehr vielen Berichten von spirituell orientierten Heilern die Stirn in tiefe Falten legt und ich mich frage, wie es um die praktische Erfahrung vieler Heiler tatsächlich bestellt sein kann. Es gibt einige “Das-ist-so”-Dogmen, die immer wieder im Brustton der Überzeugung angeführt werden, die besonders in der heilerischen Praxis keinen erkennbaren Sinn machen, auch wenn sie theoretisch noch so ausschweifend begründet werden. Dinge, die mir zB. während meiner Ausbildung auch mehrfach als typische Fallgruben von angehenden Heilern beigebracht wurden und deren Kenntnis sich im heilerischen Alltag vielfach bewährt hat.

Da der Artikel etwas länger wird, möchte ich vorab einen kleinen Überblick geben, wie ich mich diesem Thema widmen werde. Ich möchte zunächst ein bisschen was zu mir selbst und zu meinem Werdegang sagen. Das soll keine Selbstbeweihräucherung sein, sondern einfach Hintergrundinformation, weil man Aussagen meiner Ansicht nach oft besser versteht, wenn man ein ungefähres Bild hat wer der Autor überhaupt ist und vor welchem Background diese Ansichten entstanden sind.

Im Anschluss möchte ich einige von diesen nicht ausreichend hinterfragten Glaubenssätzen der Heilung schildern und daraus resultierende Fehler in der praktischen Heilkunde beschreiben. Um das Verständnis zu erleichtern, werde ich sofern möglich auch ein paar Beispiele aus meinem eigenen beruflichen Alltag anführen.

Mein eigener Werdegang

Ich befasse mich wie eingangs erwähnt internsiv mit der schamanischen und neuheidnisch-hexischen Szene und deren Verständnis von der Heilerei. Das interessiert mich zurzeit deswegen, weil mein Metier die Osteopathie, sehr viele Aspekte eines animistischen Weltbildes, also dem Konzept des Allesbeseelten besitzt und ich auf diese Weise meinen eigenen heilerischen Horizont erweitern möchte und neue Perspektiven gewinnen möchte. Nichts anderes haben auch unsere osteopathischen Gründerväter getan, die sich sowohl mit klassischer Medizin und Anatomie befassten, wie auch mit Spiritismus, Mesmerismus, Schamanismus und ähnlichen Dingen.

Mein professioneller heilerischer Weg beginnt mit einer 3-jährigen Vollzeitausbildung, die mir 2008 meine Zulassung als Heilpraktikerin bescherte. Danach folgten einige kleinere Ausbildungen, darunter die Lymphdrainage nach Dr. Vodder, Neuraltherapie nach Huneke, Grundlagen der Chiropraktik, Phytotherapie und Homöopathie, bis ich mich 2010 entschied nochmal die Schulbank für längere Zeit zu drücken und eine 5-jährige Osteopathieausbildung mit einem Abschluss der BAO (Bundesarbeitsgemeinschaft für Osteopathie) zu absolvieren. Seit 2013 bin ich nun hauptberuflich als Heilpraktikerin und Osteopathin tätig und bin Assistentin an der Hochschule Fresenius für den Studiengang Osteopathie.

Mittlerin zwischen den Welten

Ich denke also von mir inzwischen sagen zu können, dass ich einiges an praktischer Erfahrung im Bereich des Heilens und der Heilkunde habe sammeln dürfen. Als Osteopathin bewege ich mich zudem in einem Bereich, der eine besondere Stellung in der alternativen Heilkunde einnimmt. In den USA zählt die Osteopathie ganz selbstverständlich zur klassischen Medizin, in Europa und insbesondere in Deutschland zählt sie zur Komplementärmedizin. Als Osteopathin habe ich sowohl engen Kontakt zu Schulmedizinern und arbeite natürlich auf der Basis medizinischer Befunde, aber gleichermaßen auch zu alternativen Heilern und deren unterschiedlichsten Heilkonzepten. Mein Klientel ist sehr häufig an beiden Verfahrensweisen gleichermaßen interessiert und nutzt sie ganz selbstverständlich parallel ohne darin einen Gegensatz, sondern vielmehr eine wertvolle Ergänzung zu sehen.

Ganz ähnlich ist auch mein Verständnis von der alternativen Heilkunde. Ich sehe mich nicht als Freund oder Feind von Schulmedizin oder Naturheilkunde, sondern oftmals als Vermittler zwischen diesen beiden Welten. Hinzu kommt natürlich, dass ich im Gegensatz zu den meisten niedergelassenen Ärzten in der Regel viel mehr Zeit für meine Patienten habe und auch mal sehr tiefgründige Gespräche führen kann. Daher ist es oft auch an mir Aufklärungsarbeit zu leisten, Arztbriefe und Befunde zu erklären und natürlich auch Seelen zu trösten, wenn schwerwiegende Diagnosen plötzlich alles auf den Kopf stellen.

Osteopathie als Mittelweg

Die Osteopathie selbst ist nicht nur eine Heilmethode, die auf der klassischen Anatomie und Physiologie fußt, sondern vielmehr eine Heilphilosophie mit sehr anspruchsvollen geistigen, ja spirituellen Inhalten. Wissenschaftlich Belegbares ist genauso Teil der Methodik, wie Kraft der eigenen Intuition Erlebtes und Gefühltes oder aus praktischer Erfahrung vieler Therapeuten gemeinsam Etabliertes. Auch der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus in Bereiche wie TCM, Homöopathie, Ayurveda, Kräuterheilkunde, Hypnose, usw. usf. ist in der Riege der Osteopathen durchaus üblich. Alles was hilft darf sein – zum Wohle des Patienten. Ich bin also alles andere als eine alternativmedizinische Möchtegernärztin, die sich verzweifelt an ihr Buchwissen klammert und die “Ärztelobby” verteidigt, wie mir oft vorgeworfen wird, nur weil ich weiß, wie man einen Arztbrief liest und nicht mit allen in das Böse-Schulmedizin-Horn stoße oder alles Siechtum dieser Welt mit der “Pharma-Mafia” begründe . Ich habe gerade als Osteopathin gelernt offen zu sein für verschiedenste Methoden ohne mich bei deren Bewertung von persönlichen Präferenzen leiten zu lassen. Mich interessiert oft vielmehr WER heilt und nicht womit. Mein diagnostisches Instrument sind meine Hände und ihr seit Jahren trainierter Tastsinn und die spüren ganz unabhängig von dem, was mein Kopf gern glauben will. “Hände irren sich nicht, der Kopf schon.” Hat einer meiner Dozenten ganz am Anfang meiner Ausbildung zu mir gesagt.

Ich habe schon so manches Wunder erlebt durch Heilmethoden, die mir mehr als suspekt waren und habe hundertfach belegte und in den heiligen Stein der Therapierichtlinien gemeißelte Verfahren kläglichst versagen gesehen. Als Therapeutin ist es mir ein besonderes Anliegen stets so synergistisch wie möglich zu arbeiten – letztlich ist das genau das was Osteopathie zum Ziel hat – und dabei ist es für mich unerheblich, ob meine Patienten vorher beim Orthopäden oder beim Schamanen war. Ich sehe es als meine Aufgabe an sinnvolle Verknüpfungen zum Wohle des Patienten herzustellen. Dabei geht es mir zum einen um faire Kollegialität zu meinen Mitbehandlern – selbst wenn ich diese niemals persönlich zu Gesicht bekomme – aber noch viel mehr darum meine Patienten nicht zu entmündigen. Denn schließlich war es DEREN Entscheidung zu Heiler A oder Arzt B zu gehen und gleichsam eben zu mir zu kommen und diese Entscheidung ist unter allen Umständen erstmal zu respektieren.

(hier gehts zu Teil 2 und Teil 3)

Chronisch krank und trotzdem spirituell

Ich bin ein spiritueller Mensch. Ungefähr so lange wie ich Migräne habe. Wenn man chronisch krank ist, ist das nicht sehr einfach. Vor allem dann nicht, wenn man unter anderen spirituellen Menschen Kontakt sucht. Das Verständnis für chronische Krankheiten oder Krankheiten generell in spirituellen Kreisen ist wirklich unterirdisch. Nicht genug, dass man zeitlebens unter grausamen Schmerzen und entsetzlichen Einschränkungen der Lebensqualität leidet, man wird auch noch selbst dafür verantwortlich gemacht. Die Gründe dafür setzen sich aus wilden Konstruktionen mißverstandener Karmakonzepte, schwammiger Reinkarnationstheorien und schwülstiger Facebookmemeweisheiten zusammen. Bei akuten Krankheiten ist man dem wenigstens nur vorübergehen ausgesetzt, wenn man aber chronisch krank ist, dann weiß man bald nicht mehr wie man dem noch entfliehen soll ohne wahnsinnig zu werden. Am besten man versucht es so gut es geht zu verstecken.

Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, wenn ich Menschen wie Rüdiger Dahlke oder Thorvald Detlefsen – egal ob im Diesseits und Jenseits – mal persönlich treffe, dann trete ich den beiden erstmal ordentlich mit Anlauf ich die Kronjuwelen für das unsagbare Leid, das sie kranken Menschen mit ihrer himmelschreienden fachlichen und menschlichen Ignoranz in den frühen 80ern angetan haben.

Mit Büchern wie “Krankheit als Weg” haben sie mitnichten Menschen geholfen, die an Krankheiten leiden ihren Weg besser zu meistern und ein mitunter lebenslanges Martyrium besser durchzustehen, sondern vielmehr haben sie den gesunden Individuen der Menschheit eine noch elegantere Ausrede beschert, kranke und hilfsbedürftige Menschen  mit noch leichterem Gewissen zu ignorieren und sich dabei auch noch unglaublich spirituell zu fühlen.

Nicht, dass das jetzt falsch verstanden wird, ich bin sowohl beruflich als Osteopathin als auch persönlich als Mensch sehr gut vertraut mit den Zusammenhängen von Psyche und Körper und ich kenne die Perspektive der klassischen Medizin – im Allgemeinen das, was man in der Sparte der Psychosomatik erforscht und behandelt – ebenso wie die mannigfaltigen Ansätze der alternativen Heilkunde, die sehr unterschiedliche Modelle verfolgen, wie die seelische und die leibliche Sphäre miteinander in puncto Krankheit in Interaktion stehen. Aber mir ist selten so eine bizarre Simplifizierung wie die von Detlefsen und Dahlke und all ihren geistigen Töchtern und Söhnen untergekommen.

Wenn ich Weisheiten höre wie “Deine Verstopfung will Dir sagen, dass Du schwer loslassen kannst.” Dann bekomme ich allein davon schon fast eine Migräneattacke, die übrigens angeblich bedeuten soll, dass ich frigide bin. Das ist so grotesk vereinfacht, dass es das Gebiet der Lächerlichkeit nicht nur streift, sondern mit einer doppelt geflickflackten Arschbombe mitten hineinspringt. Dafür das diese Sichtweise den Menschen angeblich als unheimlich ganzheitlich und individuell zu sehen vorgibt, macht sie ihn zu einem hirnlosen Automaten, der nur aus grundlegenden Körperfunktionen und ein paar Basisgefühlen besteht.

“Du grübelst einfach zu viel” ist einer dieser Sätze, der sicher schon unzählige Male als Todesursache in Gerichtsakten Erwähnung gefunden hätte, wenn ich eine kaltblütige Serienkillerin wäre. Ich bin aber wohl einfach zu höflich dazu. Aber wer weiß, vielleicht hätte ich als Serienkillerin wenigstens keine Migräne. Meistens sage ich dann sowas wie “Ja, hehe.” und lächele gekünstelt. Ich versuche die Wut darüber runterzuschlucken, dass ich mich neben meinen Schmerzen offensichtlich auch noch dafür entschuldigen muss, dass mein Gehirn vielleicht nicht gerade in den üblichen Bier/Fußball/Weiber bzw. Schuhe/Shopping/Prosecco-Dimensionen denkt, sondern sich auch mal ein zwei tiefgründigere Fragen stellt. Ich bin selbst schuld an meiner genetisch bedingten, bis heute als unheilbar geltenden Erkrankung, die sich durch eine schlagartige und sich ausbreitende Entladung der Neuronen in meinem Gehirn äußert, welche die Arterien meines Kopfes zur plötzlichen Dilatation bringt und zu einer flutartigen trigeminal getriggerten Ausschüttung von Zytokinen führt, weil ich zu viel denke. Schon klar.

Übrigens die Tatsache, dass ich an Migräne leide UND etwas komplexer denke führt nicht zwangsläufig zu einer Kausalität dieser beiden Umstände. Das nennt man eine Korrelation, also das unabhängige parallele Existieren zweier Tatsachen. Würden sie einander bedingen, spräche man von einer Kausalität, die aber nachgewiesen werden müsste und nicht ist. Intelligenz muss mitnichten wehtun, auch wenn das manchen sicher ganz recht wäre. Vor allem bei mir. Es gibt tausende von Menschen die einen IQ über dem Durchschnitt haben und dabei keinerlei Schmerzen empfinden. Auch kenne ich keine Studie, die nachweist, das Denken wehtut. Eher Nichtdenken, aber das schmerzt dann meistens die Anderen. Das Gehirn verschleißt auch nicht beim Denken, ganz im Gegenteil, es wird sogar dichter, bildet mehr Synapsen, es wird also sogar mehr Hirn also vorher. Kein Grund zur Sorge also. Das Gehirn darf man ruhig benutzen.

Was bringt mir also Spiritualität? Wahrscheinlich das, was es anderen Menschen mit und ohne Schmerzen auch bringt. Hoffnung, Selbsterfahrung, neue Denkperspektiven. Heilung verspreche ich mir davon eigentlich wenig. Vielleicht neue Perspektiven, die zu mehr Heilung betragen. Ein besseres Coping mit Schmerz, Leid und Bedrängnis generell vielleicht. Coping – Englisch für “zurechtkommen” oder “Umgang” –  ist eines der Zauberwörter in der modernen Schmerztherapie, die erkannt hat, dass man die Psyche des Menschen mit einbeziehen muss, wenn man ihn als ganzes Wesen erfassen und ihm das Leben mit dem Schmerz erleichtern will. Schmerz betrifft immer den ganzen Menschen. Es ist der Bereich in dem ich noch die Hoffnung auf wenigstens kleine Wunder nicht ganz aufgebe und es ist der Bereich, wo ich auch eine unbestrittene Berechtigung für spirituelle und philosophische Ansätze in der Schmerztherapie sehe.

Happy new year?

Neujahrsmorgen, 9 Uhr und ich werde wach. Ich fühle, wie sich der scharfe, bohrende Schmerz irgendwo in meinem Temporallappen ausbreitet und weiß was das bedeutet. 2018 beginnt mit einer Migräneattacke. Mir wird übel. Ich wanke ins Bad, meine Knie fühlen sich wie Gummi an. Mit zittrigen Fingern krame ich nach dem Triptan-Nasenspray, der immer oben aufliegt in der einen von zwei großen durchsichtigen Arzneimittelboxen aus Kunstoff, die voll sind mit pharmakologischen Wundermitteln aus klassischer und alternativer Heilkunde, die mir das Leben irgendwie leichter machen sollen. Denn ich leide seit über 20 Jahren an Migräne.

Seit etwa 5 Jahren kann man von einer chronischen Form sprechen. Das heisst mehr als 20 Schmerztage im Monat, davon bis zu 4 echte Migräne-Attacken, wobei meine neue M-Sense App  neulich fand es seien  7 als ich der Meinung war es waren nur 2, weil sie wohl jeden Tag einzeln zählt. Oder meine Zwischenschmerzphasen anders klassifziert als ich. Ich zähle mehrtägige Attacken immer als eine. Fast schäme ich mich zu sagen, dass ich als versierte Osteopathin, die täglich Schmerzpatienten behandelt, erst letztes Jahr selbst einen Neurologen aufgesucht habe. Ich war der Meinung, ich kriege das alles selbst hin. Wobei ich damit auch nicht mal völlig unrecht hatte. Ich bin inzwischen zu einer Art Hobby-Neurologin mutiert. Ich weiss – und das recht detailliert – was eine Spreading Depression ist, kenne die Migräne-Motor-Theorie und weiss, welche Rolle man dem Serotonin und dem Dopamin in der Migräne Entwicklung zuschreibt. Ich weiss, dass die Migräne wahrscheinlich mehr mit Epilepsie, als mit Verspannungen und sicher nichts mit Frigidität zu tun hat und dass es eine uralte Krankheit ist, die bereits die alten Ägypter kannten. Ich weiß nicht wieviele Studien, Artikel, alternative Ansätze, Blogs, Erfahrungsberichte, philosophische Ergüsse und Heilkundebücher ich gelesen habe in den vergangenen 25 Jahren, aber es sind unüberschaubar viele. Auf die meisten Kennst-Du-Schon-Fragen, kann ich nach den ersten 10 Sekunden schon mit “Ja” antworten. Ich bin sehr internetaffin und das Informationsangebot ist enorm. Manchmal versinke ich mehrere Stunden in medizinischen Portalen und mein Browser sieht dabei aus wie eine explodierte Bibliothek.

Wenn man die meiste Zeit nicht aus dem Haus gehen kann – oder sich einfach nicht traut – dann ist einem die virtuelle Welt eine willkommene Möglichkeit zumindest sowas ähnliches wie eine soziales Leben zu führen. Da muss man keine Termine einhalten und wenn man gerade nicht laufen kann, kann man häufig noch etwas ins Handy tippen. Manche bezeichnen mich als internetabhängig. In gewisser Weise bin ich das wohl. Flexible Freunde die auf lange Sicht damit leben können, dass ich sehr häufig kurzfristig Treffen absage, nicht auf Parties mit größeren Menschenansammlungen gehen kann, wenig bis keinen Alkohol trinken und verschiedene Nahrungsmittel nicht essen kann, Kindergeräusche, überfüllte Shopping Malls oder Cafés nur schwer ertrage, sind nunmal dünn gesät. Und offen gesagt, kann ich inzwischen auch nicht dafür garantieren, dass mir nicht demnächst mal der Kragen platzt und ich die Fassung verliere, wenn ein wohlmeinender Freund wieder mal versucht mir einen “Rat” zu geben oder unabsichtlicherweise meine Krankheit als “Kopfschmerzen” verharmlost.

Mein Mann wacht auf und kommt in mein Zimmer. Er ist am Wochenende immer da. “Ich hab Migräne.” sag ich statt einem ‘Guten Morgen’. “Fuck!” sagt er nur. Mehr müssen wir nicht reden. Der Rest läuft automatisch. Wir haben das schon hunderte Male so durchgemacht. Er füttert meine Katze, macht sich Kaffee, schaltet den Fernseher an. Das Geräusch beruhigt mich. In ein zwei Stunden wird er mich fragen, ob ich schon was trinken oder essen kann.

Das Triptan schlägt an und ich hab nicht gekotzt. Immerhin ein kleiner Erfolg! Ich torkele in die Küche und haue mir unterwegs die Schulter am Türstock an. Tunnelblick. Ich drücke mir eine Dimenhydrinat-Tablette in einen kleinen Apothekenmörser, zermörsere sie und kratze mit einem kleinen Teelössel das Pulver aus der Keramikschale. Das bittere Pulver lasse ich mir auf der Zunge zergehen, das betäubt zwar meinen ganzen Mund und brennt, aber so laufe ich nicht Gefahr, die kleine Tablette wieder zu Erbrechen und erhöhe die Wahrscheinlichkeit zumindest einen Teil über die Mundschleimhaut aufzunehmen. Es hilft mir gegen die Restübelkeit, die das Triptan nicht beheben konnte. Das Metamizol habe ich sowieso als Tropfen. “Sie wissen schon, dass das blutbildverändernd ist.” jedesmal denke ich an den Satz meines Neurologen, wenn ich das dunkelbraune Fläschchen mit der Kindersicherung aufschraube. Ja, verdammt, ich weiss, aber es nimmt mir die Schmerzen. Das letzte Blutbild war in der Notaufnahme des Klinikums. Das war bis auf die Hyperkalzämie und die unterirdische Nierenfiltrationsrate ganz ok. Also wird’s passen. Ein paar Granulozyten werden also noch irgendwo rumschwimmen. Die Muskelschwäche setzt ein, der Medikamenten-Cocktail betäubt mich, doch ich spüre die Schmerzen nicht mehr. Aber ich bin wie gelähmt und kann nur noch im Halbdelirium vor mich hindämmern. Irgendwann werde ich aufwachen und es wird vielleicht Nachmittag sein. Oder Abend. Oder vielleicht auch Nacht. Ich weiss es nicht. Ein ganz normales Wochenende eigentlich.